Franc (seit der Erhebung in den Reichsadelsstand 1697: F. von Lichtenstein; auch: F. von Liechtenstein), Johann Simon. Eigentl. Nachname auch: Francke, Francus. Kaiserlicher Hofpfalzgraf. Mag. phil. Lutherischer Theologe. Schulmann. Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.* 19.5.1644 Ffm., Diese Angaben konnten anhand von Dokumenten zweifelsfrei bestätigt werden.† 17.9.1708 Ffm.
F.s Stammbaum weist einige lutherische Pfarrer auf. Sohn des Schuhmachers Johann Simon Franc (auch: Franck; 1619-1686), der als erster der aus Hersfeld stammenden Familie nach Ffm. ging, und dessen Ehefrau Anna Maria, geb. Fischer, Tochter des Ratsherrn und Schöffen Johann Jacob Fischer (?-1691), der 1677 Jüngerer, 1689 Älterer Bürgermeister von Ffm. war. Verheiratet (seit 1683) mit Maria Elisabeth F. (?-1696), geb. Lichtstein, Tochter des aus einer jüdischen Familie stammenden Pfarrers Georg Philipp Lichtstein (auch: Liechtstein, Lichtenstein; eigentl.: Süßkind Meyer; 1606-1682), Witwe des Geistlichen Johann Philipp Benckher (1637-1681). Sieben Kinder, von denen nur die beiden ältesten das Erwachsenenalter erreichten: Christina Eleonora F. (seit 1697: F. von Lichtenstein; seit 1709 verh. Weber, 1684-?), verheiratet mit dem promovierten Juristen und Stadtbibliothekar Conrad Weber (1673-1724); Johann Simon F. (seit 1697: F. von Lichtenstein; 1686-1755), Jurist.
Nach dem Schulabschluss 1662 blieb F. ein weiteres Jahr als Exemt am Ffter Gymnasium, um sich unter dem Vorsitz des Rektors Johann Valentini (1601-1684) und des Konrektors Anton Itter (1611-1695) in öffentlichen Rede- und Disputationsakten zu üben. Er zeichnete sich in vielen Disziplinen und außer in Latein auch in Griechisch und Hebräisch vor seinen Altersgenossen aus. F. studierte von März 1663 bis Oktober 1667 in Straßburg und trat seit dem Winter 1665 als Respondent und Opponent mit einigen, teilweise selbst verfassten theologischen Dissertationen hervor. Auf Empfehlung seiner akademischen Lehrer hielt er unter großem Zuspruch öffentliche Predigten im Straßburger Münster.
Ab 1667 führte F. seine Predigttätigkeit in der Heimatstadt Ffm. fort und beeindruckte die Gemeinde. So wurde er auf seine Predigt in Sachsenhausen hin von dem Patrizier Johann Jacob Baur von Eysseneck (1619-1684) dessen jüngstem Sohn als Reisebegleiter mitgegeben und mit seiner Familie bis zu Baur von Eyssenecks Tod unter dessen Schutz gestellt. Im Sommer 1668 ging F. nach Leipzig, wo er bei dem berühmten Theologen Johann Adam Schertzer (1628-1683) Aufnahme fand und an einigen Disputationen teilnahm. Er predigte in beiden Leipziger Hauptkirchen und wurde durch Städtereisen bei renommierten sächsischen Gelehrten bekannt. Im Juni 1669 wechselte F. nach Wittenberg und war Hausgenosse des Kontroverstheologen Abraham Calov (1612-1686). Als bester unter 29 Kandidaten erwarb er dort den Titel eines Magister Philosophiae. Mit der Verteidigung der „Pentas quaestionum historicarum“ erhielt er 1670 die Berechtigung zum Vorsitz bei Disputationen. Zudem beschäftigte er sich mit orientalischen Sprachen und bildete sich in den privaten theologischen Vorlesungen von August Pfeiffer (1640-1698), Aegidius Strauch (1632-1682) und Calov fort.
Im Dezember 1670 kehrte F. nach Ffm. zurück und wirkte auch in der Umgebung als Pfarrer. Im Mai 1671 begann er eine Peregrinatio academica (Bildungsreise), um mit berühmten Theologen und anderen Gelehrten in persönlichen Austausch zu treten, was ihm gelang, wie seine (nicht mehr nachweisbare) Korrespondenz bezeugte. Er kommunizierte auch mit Angehörigen anderer Glaubensrichtungen wie Katholiken, Sozinianern, Quäkern und Reformierten. Er bereiste bedeutende Universitäts-, Residenz- und Handelsstädte innerhalb des Reiches. Einige Wochen hielt er sich an der Universität Königsberg auf. Außerhalb des Reiches weilte er in den Niederlanden, in England, Dänemark, Schweden und Polen, genoss die Gastfreundschaft von Kollegen – z. B. von dem Astronomen Johannes Hevelius (1611-1687) in Danzig – und hielt immer wieder Predigten. In Amsterdam ereilten ihn die Gelbsucht und ein Wechselfieber. In Lund traf er mit dem dänisch-schwedischen Bischof und Gründer der neuen Academia Carolina, Peder Winstrup (1605-1679), zusammen und wurde von dem Theologen Josua Schwartz (1632-1709) herzlich aufgenommen. Über Westpreußen und Pommern gelangte F. nach Rostock, wo er ab August 1671 als Adjunkt der theologischen und der philosophischen Fakultät die Berechtigung erlangte, Disputationen abzuhalten, theologische und philosophische Kollegien zu stiften und öffentlich zu predigen. Er setzte sich u. a. kritisch mit der Auffassung des Marburger reformierten Theologen Johannes Hein (um 1610 bis 1686) auseinander und fasste 1672 seine mündlichen Disputationen gegen Hein im Druck zur „Pentas prima“ zusammen. Durch diese Publikation bekannter geworden, bekam er Stellenangebote, blieb aber in Rostock und kehrte erst Anfang 1673 als Prediger nach Ffm. zurück.
Als F. 1675 eine gegen Hein gerichtete „Pentas secunda“ publizierte, plante Hein in Marburg eine Disputation gegen ihn. F. machte sich eigenmächtig auf den Weg nach Marburg, wobei er auf der Durchfahrt in Gießen spontan in einer juristischen Disputation opponierte. Er teilte Hein mit, in dessen Disputation selbst respondieren zu wollen, um die Argumente gegen sich zu widerlegen. Dieser vermied den Kampf, veröffentlichte aber eine Streitschrift als Entgegnung auf F.s „Pentas prima“. Hierauf formulierte F. eine Rechtfertigung, die wegen seiner vielen Verpflichtungen erst 1678 fertiggestellt wurde. Außerdem forderte er Hein bereits 1676 mit einer „Dodecas prima“ und „altera“ heraus.
1680 wurde F. ohne Bewerbung zum Prorektor des Ffter Gymnasiums berufen, wo er Theologie, Hebräisch, Metaphysik, Physik, Politik, Ethik, Logik, Rhetorik und Poesie lehrte. Auch auf diesem Posten war er sehr produktiv: Er organisierte drei Redeactus (Redewettstreite) und hielt vier theologische Disputationen, die gesammelt erschienen, sowie zwei politische und eine ethische Disputation ab. Etwa seit dem Tod seiner Frau 1696 litt F. unter einer fortschreitenden Augenschwäche. Er wurde deswegen im März 1700 aus dem Schuldienst entlassen. Seine Sehbehinderung hemmte zu Anfang nicht seine schriftstellerische Tätigkeit, ließ ihn jedoch, als er das Haus nicht mehr verlassen konnte, immer schwächer werden. F. starb am frühen Morgen des 17.9.1708 und wurde am 19.9.1708 begraben.
In F.s breitem gelehrtem Werk zeigt sich ein festes Bekenntnis zur lutherischen Theologie, weswegen er häufiger mit Vertretern anderer konfessioneller Positionen in Konflikte geriet. Vor allem griff er die Christologie der Reformierten an, die nicht an die Einheit der Göttlichkeit und Menschlichkeit Christi glaubten. In Leipzig verteidigte F. 1669 seinen kurz zuvor verstorbenen Ffter Mitbürger Michael Weigandt (auch: Wigand; 1636-1667) gegen die Vorwürfe des Heidelberger reformierten Theologen
Johann Ludwig Fabricius bezüglich der Christologie. Die gedruckte Schutzschrift widmete er mit eigenhändigem Schreiben der Stadt Ffm. (ISG, Dedikationen u. Invitationen 8, Bl. 154f.). In Wittenberg engagierte er sich 1670 im Konflikt Calovs gegen die Arminianer und disputierte gegen die Lehre von Hugo Grotius (1583-1645). Von 1672 bis 1678 führte er den beharrlichen Kampf über Fragen des Seelenheils gegen den Marburger Reformierten Hein.
F. prägte den gelehrten Diskurs durch eine rege Produktion von Predigten und Dissertationen. An den Universitäten zu Leipzig, Wittenberg, Rostock und Gießen sowie am Ffter Gymnasium war er vor allem an theologischen Disputationen beteiligt und wirkte in allen Rollen: als Respondent, Opponent und seit 1670 auch als Präses. Viele Dissertationen sind publiziert worden und noch heute nachweisbar. Neben einigen anderweitig publizierten Kasualgedichten verfasste er eine Sammlung von „Carmina funebria“ (Trauergedichte) für Familienangehörige und einige Ffter Gelehrte sowie lateinische Merkverse zu den Regeln der Verskomposition, die sein gleichnamiger Sohn Johann Simon F. von Lichtenstein 1701 gesammelt und um einen Stammbaum ergänzt auf fast 200 Seiten herausgab.
Erhaltene Werke von F. (in Auswahl): „Wigandus Orthodoxus, hoc est, Responsio, qua Manes beatissimi (…) Dn. Michaelis Wigandi (…) adversus Epistolam Jacobi Danielis Humberti [d. i.
Johann Ludwig Fabricius] ad Johannem Jacobum Reckium vindicantur (…)” (1669), „Pentas quaestionum historicarum” (Dissertation, Präses: Georg Greenius, Respondent: Johann Simon F., Wittenberg 1670), „De communicatione propriorum” (Dissertation, Präses: Johann Simon F., Respondent: Martin Anhalt, Wittenberg 1670), „De Nestorio” (Dissertation, Präses: Johann Simon F., Respondent: Stephan Pilarik, Wittenberg 1670), „De Nestorio disputabit iterum (…)” (Dissertation, Präses: Johann Simon F., Respondent: Martin Anhalt, Wittenberg 1670), „Disputatio tertia de Nestorio” (Dissertation, Präses: Johann Simon F., Respondent: Georg Femger, Wittenberg 1670), „Pentas prima quaestionum theologicarum (…) proposita et Johanni Heinio Calvinistae Marpurgensi opposita” (Rostock 1672), „De potentia absoluta et ordinata, secundam sententiam auctorum antiquorum“ (Dissertation, Präses: Johann Simon F., Respondent: Theodor Lengercke, Osnabrück 1673), „Deß Heiligen Geistes Trost-Ampt / Auß Dem fünffzehenden Capitel / vers. 26 deß Evangelisten und Apostels Johannis gelernet (…)“ (Ffm. 1673), „Pentas secunda quaestionum theologicarum in celeberrima Ludoviciana universitate Calvinianis quibusdam opposita” (Gießen 1675), „Dodecas Quaestionum Theologicarum (…). In quibus à Theologis Reformatis Secessionem facit Clarissimus Dn. Johannes Heinius“ (Ffm. 1676), „Dodecas altera quaestionum theologicarum (…)” (Ffm. 1676), „Exercitatio Ad Disputation. Theolog. IV. Joh. Heinii, (…) De Quaestione: An Humana Christi Natura Sit Omni-Praesens?” (Ffm. 1678), „Dissertatio Theologica De Agonia Dn. Nostri Jesu Christi“ (Dissertation, Präses: Johann Simon F., Respondent: Johann David Jacobi, Ffm. 1696, als dritte der vier 1697 gesammelt herausgegebenen Dissertationen „Pathologiae Dn. nostri Jesu Christi“ [nicht nachweisbar]), „Versus memoriales ad poetices epitomen pertinentes de syllabarum quantitate et versus confectione” [Ffm. 1697; enthalten in: Franc de Liechtenstein (Hg.): Venerandi parentis, Dn Johann. Simonis Franc de Liechtenstein, (…) Francofurtum lugens (…) 1701], „Venerandi parentis, Dn Johann. Simonis Franc de Liechtenstein, (…) Francofurtum lugens seu memoria virorum illustrium et clarorum“ (hg. v. dem Sohn Johann Simon Franc de Liechtenstein, 1701).
F. erhielt beim Verlassen einer akademischen Institution häufig ehrende Valediktionen. Der Ffter Schulrektor Valentini verfasste für ihn nach Abschluss der Exemtenklasse 1663 ein Elogium (nicht nachweisbar). Zu seinem Abschied von Straßburg widmeten ihm die Theologie-Professoren 1667 eine im Druck veröffentlichte Lobschrift (nicht nachweisbar). Die Leipziger Kollegen ehrten ihn durch ein Enkomium (abgedruckt in Schertzer: Programmata publica cum orationibus nonnullis academicis, Leipzig 1679). Im Jahr 1673, beim Abschied von Rostock, verfassten seine Kollegschüler ein zweiseitiges lateinisches „Propempticum“ (Geleitgedicht), und die Wittenberger Theologen gaben ihm 1671 ein Empfehlungsschreiben mit.
F. war seit 1682 Kaiserlicher Hofpfalzgraf (Comes Palatinus minor). F.s Palatinatssiegel zeigt auf rotem Grund einen silbernen krähenden Hahn mit goldenem Kamm, der von einem grünen Dreiberg zur strahlenden Sonne im rechten Obereck auffliegt. F.s Wahlspruch lautet: „Ad te voce mea redeunti sole vocavi,/ Tu modo clamantis suscipe vota, Deus!“ (Zu dir habe ich bei wiederaufgehender Sonne mit meiner Stimme gerufen,/ Du, mein Gott, nimm doch an die Gebete des Flehenden!). Am 30.3.1697 Erhebung in den Reichsadelsstand durch den Hofpfalzgrafen
Melchior Friedrich Freiherr von Schönborn.
Hauptquelle für F.s Leben und Wirken ist die ausführliche lateinische Vita, die den Epicedien und Elegien, die seine Kollegen anlässlich seines Todes verfassten, beigefügt ist [„Memoria B(eati) Joh(annis) Simonis Franc de Lichtenstein, Sacrae Caesareae Majestatis Aulae ac Palatii Comitis etc.“, Ffm. 1709].
Kupferstichporträt (von Johann Stridbeck) in zwei Exemplaren in der Porträtsammlung Holzhausen im Besitz der UB Ffm.
Der Sohn Johann Simon F. (seit 1697: F. von Lichtenstein; 1686-1755) war ab 1707 Advokat, ab 1726 Fürstlich Thurn und Taxis’scher Rat und ab 1732 Stadtsyndikus; 1742 wurde er mit der Kleineren Hofpfalzgrafenwürde ausgezeichnet. Er ist durch einige juristische Dissertationen bekannt und wird bisweilen mit seinem Vater verwechselt. Vier der Söhne von Johann Simon F. von Lichtenstein d. J. (von elf Kindern aus drei Ehen) waren ebenfalls Juristen. Der älteste, Johann Simon F. von Lichtenstein (1720-1793), der also dieselben Vornamen wie Urgroßvater, Großvater und Vater trug, war seit 1743 Advokat, später Konsistorialrat und seit 1768 Stadtbibliothekar in Ffm.
Die Francstraße am Dornbusch ist nach der Familie F. benannt, da der nahe gelegene Bertramshof, der frühere Kühhornshof, rund hundert Jahre lang im F.’schen Besitz war. Als die vorhergehende Gutsbesitzerfamilie mit dem Juristen, Ratsherrn und Schöffen Johann Jacob von Bertram 1742 im Mannesstamm ausgestorben war, erbte F.s Sohn Johann Simon F. von Lichtenstein, der in dritter Ehe mit Elisabeth Margarethe, geb. von Bertram (1716-1751), der Tochter Johann Jacob von Bertrams, verheiratet war, den Hof. 1837 ging das Gut durch Verkauf an
Carl Mayer von Rothschild über. Von dem ursprünglichen Gutshof steht heute nur noch ein Wehrturm auf dem Gelände des Hessischen Rundfunks.
.